Xavier Toubes

Descriptions Without a Place. PushMoon5

»Für mich wesentlich ist, dass das Arbeiten in Keramik mir erlaubt, im Herstellungsprozess mit Körper und Geist aufzugehen. Dies hat zu tun mit der Vorstellung, Kunst zu machen als Ding in der Welt.«

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Xavier Toubes: Descriptions without a place
Galerie Metzger, 10. Juni 2018

Sehr geehrte Damen und Herren, dear Xavier,

Vielleicht einer der Gründe, warum wir in diesem digitalen Zeitalter die Keramik wieder so schätzen, ist ihre Gegenständlichkeit. Keramik erweckt den Eindruck, etwas besonders Dingliches, Materielles zu sein. Der Gegensatz von unsichtbaren, ungreifbaren und nicht kontrollierbaren Daten, die sich unbemerkt zwischen Ihrer Hosentasche und Silicon Valley hin und her bewegen.

Eine keramische Form ist ein festes Ding, etwas für die Ewigkeit, es ist eine Idee im Kopf des Künstlers gewesen, die durch seine Hände und das Feuer stabil und unvergänglich geworden ist. Schauen Sie sich um: Die schweren Objekte stehen fest auf ihren Sockeln, um sie hochzuheben braucht man Kraft, die Glasuren sind erstarrt, die Farbe bleibt die nächsten tausend Jahre so wie sie jetzt ist und auch wenn man die Form begraben sollte, wird sie sich nicht mehr ändern. So viel steht fest.

„Und sie bewegt sich doch!“ soll Galileo Galilei, als er das kopernikanische Weltbild vor dem Inquisitionsgericht hätte abschwören müssen, gemurmelt haben.

Für die Kirche stand aber fest, dass die Erde sich nicht bewegt. Galilei befasste sich sein Leben lang mit den Gesetzen der Bewegung und basierte diese, als erster Wissenschaftler überhaupt, auf Experimenten. Er machte das Experiment zur Grundlage der Forschung.

Xavier Toubes stellt in seiner Arbeit und in seinem Leben dieses „Eppur si muove“ im Mittelpunkt. Zuerst als Person: Man könnte Toubes als einen Nomaden beschreiben. Nomaden – das Wort kommt aus dem Griechischen und bedeutet „herumschweifend“ oder „weidend“ – sind Menschen, die eine nicht-sesshafte Lebensweise führen. Ihre Bewegungen hängen mit ihrer Arbeit zusammen.

1947 in A Coruna, einer Hafenstadt in Nordwest Spanien geboren, studiert Toubes in London und New York, lehrt dann – Nomaden sind auch Hirten – als Professor in North Carolina, wird künstlerischer Direktor des bekannten European Ceramic Workcentre in den Niederlanden und erhält danach eine Berufung als Professor in Chicago ,wo er auch jetzt, falls er nicht unterwegs ist, noch lebt.

Er stellte seinen Arbeiten an vielen Orten in der ganzen Welt aus, heute in Johannesberg.

Es ist aber nicht nur der Künstler, der sich bewegt. Auch die Keramik, so stabil sie erscheinen mag, bewegt sich doch. Die Prozesse, die sich zuerst im Kopf des Künstlers und danach im Ofen abspielen, sind wahrhaftig dynamisch. Der Ton schrumpft und schmilzt, Moleküle verbinden sich mit einander und Farben entstehen durch Mutationen. Diese Dynamik ist charakteristisch für die Keramik und fordert eine offene Grundhaltung ein. Der Versuch, das Material zu bezwingen, bringt meistens nur Ärger. Die Akzeptanz der Metamorphose dagegen führt zu neue Einsichten.

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Xavier Toubes akzeptiert nicht nur diese Wandlung, sondern macht sie zum Konzept seiner Arbeit. Seine Arbeiten drehen sich um den Paradox der beweglichen Dinghaftigkeit. Wie von Galilei schon propagiert, basiert sich seine künstlerische Forschung auf Experimente, auf Versuchsanordnungen, auf Serien. Er lässt das Material seinen Raum und gibt ihm die Chance, ihre Dynamik zu entfalten.

Die Arbeiten dokumentieren Xavier Toubes‘ Reise, sie sind seine „Descriptions without a place“, künstlerische Gedanken ohne festen Ort, Figuren ohne Schatten, beweglich, wandernd, hinterlassene Beobachtungen. Die Themen die Toubes aufgreift, gehören nicht zu einem bestimmten Ort, sie wandern mit, haben ihre Ruhezeiten und werden später wieder von dem Künstler aufgegriffen. Feste Begleiter auf der Reise sind die Sprache, das Material Ton und die Farbe.

Bei Toubes bekräftigt die Farbe die Bewegung, sie scheint auf einem Objekt schon unterwegs zum Nächsten und lässt der Betrachter keine Ruhe. Sie wird sogar politisch, indem sie den Aktivismus des Künstlers verkörpert.

Das Werk Toubes dokumentiert die bewegende Welt. Wie schön wäre es doch gewesen, wenn die Kirche recht bekommen hätte und wir sicher wären, dass wenigstens die Erde sich nicht bewegt. Aber doch, sie bewegt sich, und auch die Menschheit ist nie stationär gewesen. Die aktuelle Debatte über Flüchtlinge, wobei Viele wie Nomaden einfach auf der Suche nach neuen Arbeitsräumen sind, zeigt unser inneres Dilemma mit Wanderung. Die Gegenwart zeigt uns, dass Migration nicht steuerbar ist und dass es wenig gibt, worauf wir uns festlegen können.

Xavier Toubes gibt uns keine Antworten und das mag irritieren. Er zeigt uns, dass das Material Keramik gerade durch seine Gegenständlichkeit einerseits und ihre Dynamik andererseits par excellence dazu bestimmt ist, dieses „Doch“ zu verkörpern. Nicht in der Ruhe, sondern in diesem „Doch“ liegt die Kraft.

Ich wünsche Ihnen die Kraft, dieses unbequeme Dilemma auszuhalten und ihre verstörende Schönheit zu genießen. Vielen Dank.

Nele van Wieringen

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Josef Albers – auch Migrant und Lehrer – schrieb folgendes Gedicht:

Wenn ich male
sehe und denke ich zunächst – Farbe
Und zumeist Farbe als Bewegung
Nicht als Begleitung
von Form, die seitwärts bewegt,
nur seitwärts verbleibt
Sondern als Farbe in dauernder innerer Bewegung
Nicht nur in Interaktion und Interdependenz
mit Nachbarfarben,
verbunden wie unverbunden
Sondern in Aggression – zum wie vom Beschauer
in direktem frontalen Uns-Anschauen
Und näher betrachtet,
als ein Atem und Pulsieren – in der Farbe

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